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400 Tage nach Paris: Was bedeuten die Klimaziele für den Gebäudesektor?

Fachkommentar von Franziska Trebut, ÖGUT

Das Pariser Klimaschutzabkommen vom 12.12.2015 und der Beschluss des Nationalrats vom 8.7.2016 zur Ratifizierung des „Weltklimavertrags“ geben die Klimaziele für Österreich klar und unmissverständlich vor: Minus 80% CO2 bezogen auf 1990. Für den Gebäudesektor bedeutet das eine weitgehende Dekarbonisierung, da andere Sektoren wie etwa die Landwirtschaft oder die Industrie deutlich geringere CO2-Reduktionspotenziale haben. Ein Systemumbau steht bevor.

Der Umstieg auf Erneuerbare benötigt flexible und dezentrale Vernetzung und Speicherung. Gebäude und Siedlungen werden als Energielieferanten sowie als Energieabnehmer und Energiespeicher für Energieüberschüsse fungieren. Eine Sektorkopplung, d.h. die Kopplung von Elektrizität, Wärmeversorgung und Verkehr ist naheliegend, benötigt aber innovative Lösungsansätze in technischer und juristischer Hinsicht. Je höher der Anteil der Stromwirtschaft an der Energiewirtschaft, um so stärker werden Technologien wie power to gas und power to heat Einfluss auf Energie- und vor allem Wärmeversorgungskonzepte von Gebäuden und Siedlungen haben und bestimmte Gebäudetechnikkonzepte forcieren.

Für den Gebäudesektor braucht es jedenfalls eine Wärmewende, vor allem im Bestand. Diese bringt Energieeinsparung, Emissionsreduktion und hohe lokale Wertschöpfung. Dafür müssen Seitens des Staates klare und stabile Investitionsanreize gesetzt werden.

Mehr Effizienz im Gebäudesektor bedeutet auch eine effizientere Flächennutzung auf der Ebene von Einzelgebäuden, Siedlungen und Gemeinden. Mit einer Reduktion der Nutzflächen und einer Verkürzung der benötigten alltäglichen Wege sind hohe Energie- und Emissionsreduktionen verbunden. Das Einfamilienhaus darf grundsätzlich hinterfragt werden, jedenfalls im Neubau. Der hohe Grund- und Wohnflächenbedarf, Aufwand für Infrastruktur und die induzierte Mobilität rechtfertigen nicht die derzeitigen Investitionsanreize beispielsweise durch Förderungen. Alternativen für leistbares Wohnen und Arbeiten in Ortskernen mit unterschiedlichster Größe sind vorhanden und sollten entsprechend konsequent angereizt und weiter entwickelt werden. Dies führt im Nebeneffekt zu vitaleren, gemeinschaftlich erlebbaren Lebensräumen und nimmt auch auf die Erfordernisse einer alternden Gesellschaft Rücksicht.

Der Systemumbau hat bereits begonnen. Er bietet gesellschaftliche und wirtschaftliche Chancen. Für diesen Systemumbau braucht es sichere, langfristig verlässliche Rahmenbedingungen. Die Österreichische Energie- und Klimastrategie sollte darauf überzeugende Antworten geben.

Es geht um 2050, die Gegenwart ist der steinige Weg dorthin

Kommentar von Robert Lechner, Gesellschaft für Nachhaltiges Bauen

Wenn heute über das Paris Agreement diskutiert wird, werden in erster Linie unklare Begriffe wie „weitgehende CO2-Neutralität“ oder das „2-Grad-Ziel“ eingebracht. Was im Diskurs über die richtige Deutung dieser Begriffe gerne vergessen wird, ist die Tatsache, dass die in der UN versammelte Staatengemeinschaft in Paris einen für die Zukunft der gesamten Menschheit entscheidenden Beschluss gefasst hat: Die negativen Folgen des durch den Menschen verursachten Klimawandels müssen auf ein jetzt noch mögliches, vertretbares Ausmaß eingedämmt werden.

2 Grad – na und?

Erst jetzt kommt das 2-Grad-Ziel ins Spiel, welches im Übrigen von den allermeisten ExpertInnen als zu wenig ambitioniert betrachtet wird. Im Übrigen teilt dieses Bedenken auch die Staatengemeinschaft und deshalb enthält das Paris Agreement die seltsame Formulierung „2 Grad, besser 1,5 Grad“, was die Sache nicht verständlicher macht. Schon eine Erwärmung um „nur“ 2 Grad wird weltweit umfassende Veränderungen mit sich bringen: Das Verschwinden „kleiner“ Inselstaaten in der Größe österreichischer Bundesländer von der Landkarte, die Flutung küstennaher Gebiete, die Ausweitung der Wüstenzonen oder extrem trockener, heißer Gebiete oder große Verluste an Biodiversität weltweit sind nur eine kleine Auswahl bereits feststehender Konsequenzen, welche für die direkt Betroffenen fatale Konsequenzen mit sich bringen. Diesen Menschen wird schlichtweg die Lebensgrundlage entzogen, sie müssen „woanders“ hin. Aber auch bei uns wird sich vieles einschneidend verändern: Die Häufigkeit von wetterbedingten Extremereignissen wird sich wie jetzt schon bemerkbar deutlich erhöhen, die winterliche Null-Grad-Zone in den Alpen wird deutlich nach oben wandern und den Wintertourismus in vielen Regionen ad absurdum führen.

Galt bis jetzt die Konzentration auf die Reduktion des Heizwärmebedarfs, so ist davon auszugehen, dass künftig die sommerliche Übererwärmung von Gebäuden ein großes Problem darstellen wird. Davon betroffen sind vor allem „versiegelte Hitzeinseln“, wie sie in ganz Österreich in städtischen Gebieten anzutreffen sind. Damit kein Missverständnis aufkommt: Heizen werden wir trotzdem müssen. Auch diese Liste negativer Folgen von „nur 2 Grad Erwärmung“ ließe sich noch lange fortsetzen. Da verblassen die als positiv dargestellten Folgen, wie sie gerne von Klimawandelskeptikern ins Treffen geführt werden. Was bringt uns die Tatsache, dass sich aufgrund der klimatischen Veränderungen grundsätzlich die landwirtschaftlichen Nutzzonen ausweiten können, wenn sich noch häufiger als bisher Starkregenereignisse, Überschwemmungen oder Murenabgänge auf der anderen Seite der sprichwörtlichen Medaille finden? Diese Entwicklung kann niemand wollen, diese Entwicklung ist soweit es noch möglich ist, auf ein Minimalausmaß zu reduzieren. In Anbetracht der gegenwärtigen Ausrichtung von Weltwirtschaft, Konsumverhalten und einer explodierenden Weltbevölkerung stellen die damit zusammenhängenden Maßnahmen die wahrscheinlich größte Herausforderung der Menschheitsgeschichte dar.

Weitgehend CO2-neutral – das sind wir doch, dafür haben wir doch schon so viel getan?

Womit wir beim schmerzhaften Kern der Sache angelangt sind. Eine durchschnittliche weltweite Erderwärmung im Ausmaß von 2 Grad Celsius ist nur dann möglich, wenn bis allerspätestens zur Mitte des Jahrhunderts die vom Menschen verursachten Treibhausgasemissionen auf „weitgehend Null“ reduziert werden.

Über den Terminus „weitgehend“ kann leidenschaftlich gestritten werden, wobei eines klar ist: Fokussiert man auf „1,5 Grad“, dann sprechen wir tatsächlich von einer „CO2-neutralen“ Welt. Bei „2 Grad“ wird – je nach Interessenslage – angenommen, dass die Treibhausgasemissionen auf ein Ausmaß von fünf bis maximal 15 Prozent der Emissionen aus dem Jahr 1990 reduziert werden müssen. Ab diesem Zeitpunkt der Erkenntnis müsste es bei der Zielbeschreibung sehr einfach werden: Österreich war im Jahr 1990 für Treibhausgasemissionen im Ausmaß von rund 78,8 Millionen Tonnen CO2-Äquivalent verantwortlich. Fünf Prozent davon sind 4 Millionen Tonnen, 15 Prozent ergeben 12 Millionen Tonnen. Null ergibt auch in dieser Rechenübung schlichtweg „Null“.

Die österreichische CO2-Bilanz ergibt laut aktuellster Prognose des Umweltbundesamtes für das Jahr 2015 knapp 78,8 Millionen Tonnen CO2-Äquivalent, Österreich ist am selben Stand wie vor 25 Jahren. Und das ist schlichtweg: Schlecht, beschämend, nicht akzeptabel. Die sektorale Aufteilung der Emissionen benennt klar die Verursacher dafür. Während der Gebäudesektor seine Emissionen um rund 40 Prozent (oder 5,1 Mio t) reduzieren konnte, sind die Emissionen im Verkehrssektor um rund 60 Prozent (oder 8,3 Mio t) gestiegen. Dass überhaupt die „Netto-Null“ erreicht werden konnte, ist Einsparungen im Bereich Landwirtschaft (1,5 Mio t), in der Abfallwirtschaft (1,2 Mio t) und dem Energie- und Industriesektor (1 Mio t) zu verdanken; bei den fluorierten Gasen ist ein leichter Anstieg in der Höhe von rund 0,5 Mio t zu bilanzieren. Alle Zahlen beziehen sich auf die aktuelle Schätzung des Umweltbundesamts für das Jahr 2015 („Now-Cast 2015“).

Aus der Sicht der Gebäudewirtschaft (besser: des Raumwärmebereichs) wäre also alles in Butter, gesamthaft ganz und gar nicht. Spätestens hier beginnt der „Kampf der Sektoren“, die sich unterstützt von „ihren“ Lobbyisten gerne die Schuld für das miserable Zwischenergebnis gegenseitig in die Schuhe schieben. Die einen verweisen dabei euphorisch auf ihre unglaublichen Erfolge, die anderen argumentieren damit, dass sie nur bedingt zur Verantwortung zu ziehen sind. Seit mehr als zwei Jahrzehnten wird jede noch so überzeugende Analyse zum Klimawandel und ihren Ursachen gezielt in Zweifel gezogen; jeder Versuch, ambitionierte und den Notwendigkeiten angemessene Maßnahmenprogramme zu entwickeln, wird durch eine ungewohnte Allianz aus extrem wirtschaftsliberaler Grundhaltung (Wachstum! Wachstum! Wachstum!) samt Nebengeräuschen (Weg mit den Reglementierungen!) und sozialpolitisch argumentierter Klientelpolitik „für den sogenannten kleinen Mann“ (Wir nicht – die anderen sind schuld!) samt gezielter Angstmache (Ausländer! Sozialschmarotzer!) torpediert und auf gut österreichisch: abgeschossen, bevor es noch ernsthaft diskutiert wurde. Und überhaupt: Noch im Jahr 2005 waren die Emissionen mit mehr als 90 Mio t deutlich höher, unser Anteil an der Welt ist verschwindend gering (siehe: Nebengeräusche, Angstmache, in weiterer Folge Verharmlosung) und vor allem: Bevor die anderen nichts tun … All das führt zu nichts, ist in Österreich (auch anderswo) eine altbekannte Strategie, die vor allem eines bewirkt: Stillstand, die aktuelle CO2-Bilanz Österreichs ist der beste Beleg dafür.

Gegen den Stillstand: CO2-Neutralität als gesellschaftspolitische Leitlinie

Zwischen Null und zwölf Millionen CO2-Äquivalent liegt – oberflächlich betrachtet – nicht viel, zwischen knapp 80 und 12 Millionen eine ganze Weltanschauung, mitsamt Wirtschaftssystem und allen dafür notwendigen Systemen des Stillstands. Als Erklärungsansatz dafür muss dann schon ganz tief in die Trickkiste gegriffen werden, die Lösung ist einfach: Der (durch den Menschen verursachte) Klimawandel findet gar nicht statt, ist von der Umwelttechnologie-Lobby erfunden oder gar von China. Wem stört es, wenn es ein bisschen wärmer wird? Auch hier gilt in Anbetracht von über 97 Prozent wissenschaftlicher Übereinstimmung schlichtweg: Schlecht, beschämend, nicht akzeptabel, ergänzt durch „Schwachsinn“.

Gehen wir davon aus, dass der Klimawandel stattfindet, dass wir aus einer reinen Vernunftüberlegung allerhöchstens zehn Prozent oder 8 Millionen Tonnen CO2-Äquivalent zur Verfügung haben. Und dass wir alles unternehmen müssen, dass wir unsere heutigen Emissionen zumindest auf dieses Maß reduzieren müssen. Die wichtigste Frage lautet nicht – aus heutiger Perspektive – wie schaffen wir das? Die wichtigste Frage lautet: Was machen wir mit unseren 8 Millionen Tonnen im Jahr 2050? Erst die Beantwortung dieser Frage kann uns den Weg weisen, wird die Grundlage für sämtliche Strategien und darauffolgende Maßnahmenprogramme und Investitionsentscheidungen sein. Ausgangspunkt für die Beantwortung dieser Frage sollten natürlich die vorhandenen Erkenntnisse und Analysen sein. Und da wird schnell klar, wofür wir auch im Jahr 2050 noch Treibhausgase exmittieren werden. Ernährung und Arbeit. Besser gesagt: Land- und Viehwirtschaft (Methan) und Industrie und Produktion mit prozessbedingter Notwendigkeit im Hochtemperaturbereich (Gas, Strom). Hoffentlich nicht für den Verkehr (berufsbedingt, freizeitbedingt), die Abfallwirtschaft. Mit Sicherheit nicht für den Gebäudebereich.

Ein paar Zahlenspiele mit ernstem Hintergrund dazu: Österreichs Landwirtschaftssektor ist derzeit für genauso viele Treibhausgasemissionen verantwortlich wie der Gebäudebereich; beide emittieren jeweils etwa 8 Millionen Tonnen. Das wäre also schon ein schneller Lösungsansatz: Wir lassen bei der Landwirtschaft alles wie es ist und alle anderen Sektoren müssen ihre Emissionen auf Null stellen. Oder eben beim Gebäudesektor. Bei der Landwirtschaft macht mehr als die Hälfte davon der Vergärungsprozess (Methan) bei den Wiederkäuern (Milch, Fleisch) aus. Knapp 3,5 Millionen Tonnen an Emissionen des Gebäudesektors verursachen die immer noch vorhandenen Ölheizungen. Würden wir alles so lassen, wie es jetzt ist, dann macht das in Summe genau die acht Millionen Tonnen aus, die wir vielleicht Mitte des Jahrhunderts verbrauchen dürfen. Also: Landwirtschaft und Gebäudesektor halbieren ihre Emissionen, alle anderen Sektoren müssen zur Gänze auf ihre Emissionen „verzichten“, und deshalb entweder aus dem Wirtschaftssystem genommen werden oder zu 100 Prozent auf erneuerbare Energieträger umstellen. Mit Verlaub: Das ist nicht realistisch.

Was ist ihnen lieber? 620.000 ölbeheizte Wohnungen oder Milch/Käse/Fleisch aus der österreichischen Landwirtschaft?

Die einfache Antwort auf diese schnelle Analyse lautet also: Raus aus der Ölheizung, und zwar nicht irgendwann, sondern sofort. Im Neubau von Wohnungen / Einfamilienhäusern müsste dafür sofort ein Verbot ausgesprochen werden und spätestens bei der Notwendigkeit zum Tausch vorhandener Ölkessel dürfte auch kein neuer mehr eingebaut werden. Alternativen gibt es genug und die CO2-Bilanz des Gebäudesektors wäre nahezu halbiert. Umsetzungsdauer: Ca. 30 Jahre, wenn sofort begonnen wird. So lange hält in etwa ein Ölkessel, bevor er ausgetauscht werden muss. Und bis heute werden sie eingebaut.

Weitaus schwieriger ist der nächste Schritt: Knapp 900.000 Wohneinheiten werden mit Erdgas beheizt, welches im Gebäudesektor für rund 3,5 Millionen Tonnen CO2-Äquivalent verantwortlich ist. Erdgas ist jener fossiler Energieträger, der im Vergleich zu Öl oder Kohle geringere CO2-Emissionen emittiert und gleichzeitig einen hohen Energieinhalt (Brennwert) besitzt. Und genau diese Eigenschaft macht Energieträger für alle Prozesse im Hochtemperaturbereich extrem interessant, wie sie etwa in Industrieprozessen oder in der zentralen Energiebereitstellung notwendig sind. Im Gebäudebereich ist generell von Niedertemperaturnutzung auszugehen, für deren Bereitstellung es zahlreiche Alternativen zu fossilen Brennstoffen gibt. Aktuell braucht die österreichische Industrie 6,5 Millionen Tonnen CO2-Äquivalent aus dem Gasbereich. Wenn es also bis zum Jahr 2050 gelingt, im Industriesektor die gasbezogenen Emissionen um 40 Prozent effizienter zu machen und gleichzeitig im Raumwärmebereich aus der Gasnutzung auszusteigen, dann würden knapp 7 Mio t Treibhausgasemissionen eingespart werden.

Auch dazu gibt es eine klare Fragestellung für die Zukunft: Was ist ihnen lieber – 900.000 erdgasbeheizte Wohnungen oder die auf den Hochtemperaturbereich angewiesene Industrie mit ihren Arbeitsplätzen? Vorschlag: Der Gebäudesektor sollte auf Erdgas verzichten und diese für die Hochtemperaturnutzung geeignete Ressource dem Industriesektor „schenken“. Wenn dieser Überlegung Folge geleistet wird, heißt das nichts anderes, als dass in einem ersten Schritt im Neubau keine direkte (gebäudebezogene) Gasfeuerung für Raumwärmenutzung und fürs Kochen mehr zugelassen wird. In einem zweiten Schritt muss es darum gehen, die bestehenden Gebäude sukzessive aus der Gasversorgungen heraus zu nehmen und die benötigte Raumwärme mit Alternativen zu versehen.

Diese Alternativen werden nur erschließbar sein, wenn der Gebäudebestand deutlich effizienter wird, als er derzeit ist. Der thermisch-energetischen Sanierung kommt damit größte Bedeutung zu: Je weniger Energie grundsätzlich gebraucht wird, desto weniger muss durch Alternativen bereitgestellt werden. Umsetzungshorizont mit heutigem Stand: 70 bis 100 Jahre, da die Sanierungsquote von Bestandsgebäuden irgendwo um rund 1 Prozent dahin schleicht. Will man dieses Ziel aber bis 2050 erreichen, dann wäre eine Sanierungsquote von rund 3 Prozent jährlich notwendig. Wird diese erreicht und werden gleichzeitig die fossilen Energieträger aus dem Gebäudebereich zurückgedrängt, dann ist die Raumwärmeversorgung im Gebäudesektor „CO2-neutral“. Dass dafür auch die Stromproduktion in Österreich zu 100 Prozent aus erneuerbaren Energieträgern umgesetzt werden muss, versteht sich von selbst. Die Republik geht in aktuellen Prognosen davon aus, dass dieses Ziel in den nächsten 15 Jahren umsetzbar ist (Wind, PV, (kleine) Wasserkraft, Biomasse). Damit einhergehend wird es möglich sein, der Elektromobilität und damit dem Verkehrssektor einen entscheidenden Entwicklungsschub zu geben.

Dass unabhängig davon sämtliche Sektoren umfassende und ambitionierte Programme realisieren müssen, liegt auf der Hand. Maximal 8 Millionen Tonnen CO2-Äquivalent im Jahr 2050 bedeuten eine vollkommene Neuausrichtung der österreichischen Wirtschaft, des Energiesystems und letztlich auch des Ressourcenverbrauchs bei der Bevölkerung. Die aufgezeigten Verlagerungspotenziale vom Gebäudesektor in Landwirtschaft und Industrie sind exemplarischer Natur; auch bei vollständiger Umsetzung dieser Vorschläge geht die Rechnung nicht auf. Aber ohne einen CO2-neutralen Gebäudesektor fehlt jegliche Basis für die notwendige Transformation, da schon aus diesem Sektor bereits heute der Zielwert für das Jahr 2050 emittiert wird.

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„Bedarf Förder-Instrumente und -Kriterien, die 100-prozentig auf Klimaschutz-Ziele ausgerichtet sind“

Kommentar von Hildegund Mötzl, Leiterin des ACR-Schwerpunkts „Nachhaltig Bauen“, IBO Institut für Bauen und Ökologie

Das Pariser Abkommen enthält die wesentlichen Eckpunkte, um noch in diesem Jahrhundert auf null CO2-Emissionen zu kommen. Nachhaltiges Bauen und Sanieren und der Einsatz erneuerbarer Energieträger spielen dabei eine zentrale Rolle. Die ACR Scherpunkte „Nachhaltiges Bauen“ und „Umwelttechnik und erneuerbare Energien“ können wichtige Bausteine dazu beitragen. Gerade das Herunterbrechen der erforderlichen Technologien aus dem angewandten Forschungsbereich und die Aufbereitung für die KMUs zählen zu den Schlüsselaufgaben der ACR Institute. Viele der erforderlichen Technologien, um auf der „Road to Zero“ zu bleiben, sind von KMUs in Zusammenarbeit mit Forschungsinstituten, wie sie im ACR zusammengeschlossen sind, entwickelt worden. Zur effizienten Umsetzung der „Road to Zero“ bedarf es nicht nur der entsprechenden Rahmenbedingungen wie z.B. der Förderinstrumente wie die Wohnbauförderung oder den Sanierungschecks sondern auch Kriterien, die 100%tig auf die Klimaschutzziele ausgerichtet sind und die Innovationen in diesem Bereich beflügeln. Natürlich müssen die Klimaschutztechnologien weiterentwickelt und kostengünstiger werden. Es ist nicht einzusehen, warum ein effizientes Wohnraumlüftungsgerät teurer ist als ein Kühlschrank – ein aus technischer Sicht wesentlich komplexeres Gerät. Keinesfalls darf unter dem Deckmantel des leistbaren Wohnens am Klimaschutz gespart werden, denn dies wird, über den Lebenszyklus der Wohnung gerechnet, sehr viel teurer und verfehlt die „Road to Zero“. Dies zeigen Werkzeuge, wie sie ACR Institute entwickelt haben, zum Beispiel der „Amortisations- und Wirtschaftlichkeitsrechner“ auf baubook.
Die Investitionskosten bestimmen nur zu einem geringeren Teil die Gesamtkosten über den Lebenszyklus. Der Betrieb der Gebäude ist die entscheidende Phase. Die realistische Modellierung des Gebäudes und seiner Energieversorgung ist entscheidend für die optimale Gebäudeplanung. Die Planung muss dann aber noch den Weg in die Praxis, sprich in die Inbetriebnahme und die Gebäudeautomation, finden. Auch die digitale Datenaufbereitung und Datenhaltung, Stichwort BIM, wird für auf „Road to Zero Ready“-Gebäude ein wichtige Rolle spielen. Diese Themen werden bei den ACR Instituten in den nächsten Jahren Schwerpunkte in der Forschung und Entwicklung bilden.
Die ACR Institute werden mit ihren Partnern in den nächsten Jahren viele Gebäude auf dem Weg zur „Nullemission-“ bzw. zum „Plusenergie“-Gebäude begleiten. Diese liegen in Kombination mit einer erneuerbaren Energieversorgung und einer ressourcenschonenden Bauweise direkt auf der „Road to Zero“.

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Ökobilanz und Öko-Indikatoren

Kommentar von Bernhard Lipp,   Österreichisches Institut für Baubiologie und Bauökologie IBO

„Eine Ökobilanz liefert Entscheidungsgrundlagen für die Optimierung umweltfreundlicher Produkt- und Gebäudelösungen, indem die Auswirkungen während der gesamten Lebensdauer des Gebäudes berücksichtigt werden. So kann die Gebäudequalität langfristig verbessert und Entscheidungshilfen für folgende Fragen zur Verfügung gestellt werden:

Was sind die besten Baumaterialkombinationen für ein Gebäude?
Welche Tragkonstruktion ist für das Gebäude am umweltfreundlichsten?
Welche Energieträger sollten für das Gebäude gewählt werden?
Was ist die optimale Dämmstärke?
Wie hoch ist die Recyclingfähigkeit einer bestimmten technischen Lösung?
Welche Umweltziele sind für ein Bauprojekt sinnvoll?

Damit Baustoffe, Konstruktionen und Gebäude ökologisch vergleichbar werden, werden die Aufwände für Herstellung, Nutzung und Entsorgung mit Ökobilanzen erfasst. Ökobilanzen sind auch Bestandteil von Umweltdeklarationen von Bauprodukten (Environmental Product Declarations, EPD). Die Ökobilanzierung (auch Life Cycle Assessment, LCA) ist eine wissenschaftliche, standardisierte Methode mit der Umweltauswirkungen von Produkten mit Zahlen (quantitativ) ausgedrückt. Zunächst wird eine Sachbilanz erstellt, in der sämtliche Materialien, Transporte und Prozesse sowie die Emissionen in Wasser, Boden und Luft und die Abfälle erhoben werden. In der darauf basierenden Wirkbilanz werden die Auswirkungen auf verschiedene Umweltkategorien abgeschätzt.
Die gebräuchlichsten Werte sind diejenigen für Primärenergieinhalt als Ressourcenindikator bzw. Treibhauspotenzial und Versäuerungspotenzial, als Emissionswirkungen. Als Ressourcenindikator wird oft der Gesamteinsatz nicht erneuerbarer Primärenergieinhalt PENRT, also die Primärenergie die energetisch als auch stofflich zur Herstellung des Bauproduktes genutzt wird, verwendet. Das Treibhauspotential (Global Warming Potential, GWP) beschreibt den Beitrag einer Substanz zum Treibhauseffekt relativ zum Beitrag einer gleichen Menge Kohlendioxid (CO2). Treibhauswirksame Gase können durch die Verwendung von XPS-und PU-Platten, die mit Luft geschäumt werden, vermieden werden. Auch das Montieren von Fenster- oder Türrahmen mithilfe von z.B. Stopfwolle hilft: 1 Dose PU-Montageschaum mit 85 g HFKW entspricht 280 g CO2-Äquivalenten (und enthält gesundheitsgefährdende Isocyanate). Versäuerung (Acidification Potential) wird hauptsächlich durch die Wechselwirkung von Stickoxid- (NOx) und Schwefeldioxidgasen (SO2) mit anderen Bestandteilen der Luft verursacht. Es ist dient als Maß für die lokale Emissonen bzw. saubere Luft im Umfeld der Produktionsstätten bzw. der Gebäude in der Betriebsphase.
In österreichischen Wohnbauförderungen und Gebäudebewertungsprogrammen kommt vorwiegend der Summenindikator Ökoindex 3 (OI3-Indikator) zur Anwendung. Der OI3 Indikator ist eine dimensionslose ökologische Kennzahl für das Gebäude, die aus den drei Indikatoren Primärenergiebedarf nicht erneuerbar, Treibhauspotenzial und Versauerungspotenzial gebildet wird.
Damit haben ökologische Gebäudekennwerte im österreichischen Bauwesen Einzug in die Bewertung von Bauvorhaben gefunden. Bei den wichtigsten österreichischen Gebäudebewertungsstandards wie klimaaktiv und ÖGNB (TQB) sind diese seit Beginn verankert. In der Planung und Umsetzung lassen sich damit wesentliche ökologische Verbesserungen erzielen.“

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Der Gebäude-Standort als ökologischer Faktor

Kommentar von Andrea Kraft,  Energie und Umweltagentur NÖ eNu

„Wenn heute vom „nachhaltigen Bauen“ gesprochen wird, bezieht man sich in vielen Fällen auf energieeffiziente Gebäude, ökologische Dämmstoffe oder auch regenerative Energie für die Raumwärme. Nachhaltiges Bauen setzt aber bereits bei einer wesentlich früheren Stufe – bei der Entscheidung über die Art und Lage der „eigenen vier Wände“ – an. Grob gesprochen lässt sich somit die Entscheidung für ein nachhaltiges Gebäude mit drei Begriffen zusammenfassen: gut gedämmt, erneuerbar beheizt und nachhaltig gestaltet. Wobei gerade dem letzten Begriff, der nachhaltigen Gestaltung, eben der Art und Lage des Gebäudes, noch immer zu wenig Beachtung geschenkt wird.

Gut gedämmt

Unwidersprochen ist die Nachhaltigkeit eines Gebäudes stark von der Qualität der umschließenden Flächen abhängig. Beim Neubau, wie auch bei der Sanierung eines bestehenden Gebäudes, ist somit auf ausreichende Wärmedämmwerte der Außenmauern und Fensterflächen zu achten. Wärmebrückenfreiheit und geringe Lüftungswärmeverluste durch eine dichte Hülle sind neben der Planung vor allem in der Ausführung wesentliche Parameter. Ökologische Dämmstoffe aus natürlichen Quellen wie Wolle, Flachs, Holzfaser oder Zellulose erfüllen auch hier den Anspruch auf Nachhaltigkeit.

Erneuerbar beheizt

Der zweite wesentliche Faktor bezieht sich auf die Wärmebereitstellung. Wärme, die einem Gebäude zur Beheizung und für die Warmwasserbereitung zugeführt werden muss, sollte jedenfalls aus regenerativen Quellen erfolgen. Eine breite Palette an Systemen, von Holz über Wärmepumpen und Solarthermie ist für diesen Bereich entwickelt worden und steht auf dem Markt zur Verfügung.

Nachhaltig gestaltet

Während die technischen Bereiche – Gebäudehülle und Haustechnik – bereits in unserem Bewusstsein für einen verantwortungsvollen Umgang mit Energie – weitgehend – verankert sind, hinkt die nachhaltige Gestaltung noch immer hinterher, obwohl dieser Bereich in der Priorität vorrangig zu behandeln ist: Ein energieeffizientes Gebäude „auf der grünen Wiese“ ist demgemäß kein positives Beispiel für Nachhaltigkeit. Die nachhaltige Gestaltung richtet sich vor allem nach den Faktoren: Lage des Gebäudes, Flächenverbrauch und Wohnform.

Die passende Wohnform

Eine grundsätzliche Frage setzt sich mit den Überlegungen der eigentlichen Wohnform auseinander.
Die Entscheidungsmöglichkeit reicht vom freistehenden Einfamilienhaus, über den verdichteten Flachbau, individuelle Gemeinschaftsprojekte, innovative Neubausiedlungen bis zur weitgehend anonymen „Zelle“ in einer Wohnbauanlage. Es macht sich durchaus bezahlt, zu Beginn der Überlegungen diese Frage eingehend zu erörtern.
Das freistehende Einfamilienhaus wird vielfach als erstrebenswerte Wohnform gesehen, da es für den Besitzer/ die Besitzerin den höchsten Individualitätsanspruch erfüllt. Gleichzeitig ist aber mit dieser Wohnform der höchste Flächen- und Ressourcenverbrauch verbunden, was sich auch in den Kosten für die Erschließung und dem erhöhten Verkehrsaufkommen niederschlägt.
Der verdichtete Flachbau und auch viele individuelle Gemeinschaftsprojekte setzen dem Einfamilienhaus Raumkonzepte gegenüber, die dem individuellen Anspruch der BewohnerInnen auf konzentriertem Raum entsprechen, und zudem von der Eigenverantwortung bezüglich Wartung und Instandhaltung entlasten. Innovative Neubausiedlungen ermöglichen vielerorts individuelle Gestaltung der Wohnräume und bieten zudem unterschiedliche gemeinschaftlich nutzbare Flächen und Außenräume.

Flächenverbrauch – Quadratmeter sinnvoll nutzen

Neben der Frage der Wohnform ist auch die Frage der Menge an versiegelter Fläche entscheidend für die nachhaltige Gestaltung unseres Wohnraums. Der Begriff „Wohnnutzfläche“ an sich setzt die Bedingung der „Nutzbarkeit“ als Wohnraum voraus. Sinnvolle und durchdachte Planung erspart hier unnötige Quadratmeter, die eigentlich gar nicht der tatsächlichen Wohnnutzfläche dienen, sondern Schwachstellen der Planung durch leere Verbindungsflächen füllen.
Der Grund, warum sich unsere Wohnflächen seit 1980 beinahe verdoppelt haben, mag somit auch an der mangelnden sinnvollen Planung unserer Wohnräume liegen. Jeder Quadratmeter „mehr“ muss aber erschlossen, errichtet, beheizt, gewartet und auch wieder entsorgt werden. Gleiches gilt auch für Nebengebäude, Garagen, etc.
Der Faktor Fläche ist aus dem Grund entscheidend, da der zur Verfügung stehende Boden dafür eine endliche Ressource darstellt. Die Fläche für Bauland steht in Konkurrenz mit der für Nahrungsmittelproduktion, Verkehr, zu Produktion von Energie, und auch als Rückhaltefläche bei Unwettern.

Die Lage entscheidet

Mit der Lage des Gebäudes – im Zentrum oder auf der grünen Wiese – entscheidet der Bewohner/ die Bewohnerin grundlegend über die Nachhaltigkeit des Gebäudes.
Der Verkehr stellt neben der Raumwärme die größte Umweltbelastung gemessen am CO2 Ausstoß dar. Gute Erreichbarkeit von öffentlichen Verkehrsmitteln, fußläufige Anbindungen und kurze Wege für die tägliche Versorgung stellen somit ein wesentliches Qualitätskriterium eines nachhaltigen Gebäudes dar.
Das Bundesland NÖ hat auf diese Verknappung mit einem eigenen „Energieausweis für Siedlungen“ reagiert, der die Gesamtenergieeffizienz von Siedlungen deutlich macht. Lage und Größe der Gebäude sind hier entscheidende Faktoren. Der Vorteil für die BewohnerInnen wird schnell deutlich: geringe Aufschließungskosten, kurze Wege, geringe Instandhaltungskosten.

Nachhaltiges Bauen ist somit die Auseinandersetzung mit einer Summe an Faktoren, das bereits vor der ersten Entwurfsplanung oder der Entscheidung über Dämmstandard beginnt. Verschiedene Nachweise, wie der „klimaaktiv Standard“, oder auch die Initiative „ausgezeichnet gebaut in NÖ“ haben das Thema der nachhaltigen Gestaltung bereits aufgenommen, und versuchen, diesen Aspekt auch sichtbar zu machen.

Tatsächlich liegt es an uns – als private Entscheidungsträger – unseren Wunsch nach Wohnraum nachhaltig zu gestalten. In dem Bewusstsein, dass wir mit der Entscheidung, wo und in welcher Qualität wir wohnen, auch über die Lebensqualität zukünftiger Generationen entscheiden.“

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Recycling und Entsorgungs-Eigenschaften von Dämmstoffen

Kommentar von Astrid Scharnhorst,  Österreichisches Institut für Baubiologie und Bauökologie

„Die Dämmung von Gebäuden verringert den für ihre Beheizung und Kühlung erforderlichen Energieaufwand. Der Herstellungsaufwand vieler Dämmstoffe amortisiert sich dadurch ökologisch in sehr kurzen Zeiträumen. Gedämmt wird erst seit wenigen Jahrzehnten. Über Recycling und Entsorgung von Dämmstoffen wird nachgedacht, in der Praxis werden jedoch Dämmstoffe aus dem Rückbau in Österreich nicht rezykliert: Dammstoffe aus mineralischen Rohstoffen werden für die Verfüllung z.B. im Straßenbau verwendet bzw. problemlos und vergleichsweise kostengünstig deponiert. Dammstoffe aus synthetischen und aus organischen/ nachwachsenden Rohstoffen werden zumeist verbrannt, damit einerseits eine Verringerung des Abfallaufkommens erfolgt und andererseits deren Heizwert genutzt werden kann.
Die Rückbau- und damit Recyclingfähigkeit ist zunächst und vor allem von der Einbauart abhängig. Schüttungen, Einblasdämmungen sowie zwischen Gefache eingeklemmte, in Hohlräume eingelegte Dämmmatten oder –filze, aber auch mechanisch befestigte Dämmplatten können leicht abgesaugt bzw. ausgebaut werden. Wird das Dämmmaterial mit dem Untergrund verklebt oder im Materialverbund z.B. mit Putzmörteln als Wärmedämmverbundsystem, eingesetzt, erschwert dies den zerstörungsfreien und sortenreinen Rückbau erheblich und der Aufwand für ein Recycling steigt.

Dämmstoffe aus biogenen Rohstoffen

Zu den Dämmstoffen aus biogenen Materialien zählen u.a. Holzfaser-Dämmplatten, Zelluloseflocken und –dämmplatten, Hanf- und Flachsdämmstoffe, Korkdämmplatten, Stroh- und Schafwolledämmung. Die Dämmstoffe werden zumeist lose verlegt oder mechanisch befestigt und sind daher gut rückbaubar. Wenn sie während der Nutzungsdauer keiner erhöhten Feuchte ausgesetzt wurden, ist mit einem guten Materialzustand zu rechnen, sodass sie auch wiederverwendet werden könnten. Dämmstoffe aus biogenen Rohstoffen können gemeinsam mit anderen Abfällen aus brennbaren Baumaterialien in Abfallverbrennungsanlagen thermisch verwertet oder beseitigt werden. Den Vorgaben der Deponieverordnung zufolge sind alle biogenen Dämmstoffabfälle von der direkten Deponierung ausgeschlossen. Auch wenn einige Dämmstoffe aus nachwachsenden Rohstoffen wie z.B. Strohballen für die Kompostierung bzw. zumindest als Kompostzugabe geeignet wären, ist aufgrund der gesetzlichen Rahmenbedingungen in Österreich von einer Kompostierung nicht auszugehen. Aus Gründen der Gebrauchstauglichkeit und Funktion notwendige Produktkomponenten wie Flammschutz- oder Hydrophobierungsmittel, Mottenschutzmittel oder synthetische Stützfasern können Störstoffe darstellen und die Verwertung oder das Recycling erschweren.
Einige Dämmstoffe aus biogenen Rohstoffen können auch als Wärmedämmverbundsysteme eingesetzt werden. Hier sind vor allem die mineralischen Verunreinigungen mit Putzen und Klebern störend. Von einem stofflichen Recycling ist aufgrund der fehlenden wirtschaftlichen Motivation nicht auszugehen.

Dämmstoffe auf Basis mineralischer Rohstoffe

Mineralische Dämmstoffe sind in Form von Platten oder Schüttungen verfügbar.
Mineralische Ausgleichs- oder Dämmschüttungen z.B. aus Perlite oder Blähglas können aus Wänden, Decken und Dächern dann problemlos rückgewonnen werden, wenn sie in ungebundener Form und leicht zugänglich eingebaut wurden. Sie lassen sich nach Reinigung und Trocknung als Schüttmaterial oder Zuschlagstoff wiederverwenden. Mineralische Schüttdämmstoffe können auf Baurestmassendeponien deponiert werden. Bei bitumierten Produkten ist u. U. eine thermische Vorbehandlung erforderlich.
Mineralische Dämmplatten aus Schaumglas werden zur Außendämmung erdberührter Bauteile, in Flachdächern sowie für druckbelastete Nutzdecken oder –dächer verwendet. Im Sandbett verlegte Platten können bei gutem Zustand wieder- bzw. als Schüttmaterial weiterverwendet werden. Bei sortenreiner Trennung können die Platten wieder in die Produktion zurückgeführt werden. In Heißbitumen verlegte oder vollflächig mit Kaltkleber angebrachte Schaumglasplatten können nicht zerstörungsfrei ausgebaut werden. Mit Bitumen versehene Schaumglasabfälle können als Grabenfüllmaterial im Tiefbau oder z.B. für Lärmschutzwände eingesetzt werden. Schaumglasplatten können auf Baurestmassendeponien entsorgt werden. Bei hohem Bitumenanteil ist u. U. eine thermische Vorbehandlung der Produkte erforderlich.
Mineralische Dämmplatten aus Mineralschaum werden als Wärmedämmverbundsystem oder als verputzte Innendämmung eingesetzt. Die Platte und die Deckschicht sind sortenrein trennbar. Die Trennung des Klebers von der Wand ist schwieriger, da dieser fest am Produkt anhaftet. Die mineralischen Abfälle des Dämmsystem sind als Granulat für Schüttungen oder als Verfüllmaterial, jedoch nicht als Zuschlagstoff für zementgebundene Baustoffe geeignet. Ein hochwertiges Recyclingkonzept für Mineralschaumplatten gibt es derzeit noch nicht. Das Dämmsystem besteht fast vollständig aus mineralischen Rohstoffen und kann auf Baurestmassendeponien entsorgt werden.
Dämmstoffe aus künstlichen Mineralfasern werden für praktisch jeden Anwendungsbereich in der Gebäude- und Haustechnikisolierung mit Ausnahme von Perimeter- und Umkehrdachdämmung eingesetzt. Unterschieden wird im Gebäudebereich zwischen Glaswolle- und Steinwolle-Dämmstoffen. Nicht verklebte und saubere Mineralwolle lässt sich prinzipiell wiederverwenden oder als Stopfwolle weiterverwerten. Das stoffliche Recyclingpotenzial von Mineralwolle ist derzeit noch niedrig: Für reine Produktions- und Baustellenabfälle aus Steinwolle sind in einzelnen Steinwolle-Werken Verwertungsanlagen in Betrieb. Für Glaswolle-Abfälle ist derzeit kein Rücknahme- und Verwertungskonzept bekannt. Eine energetische Verwertung der nicht-brennbaren Mineralwolle-Dämmstoffe ist nicht möglich. Dennoch werden Mineralfasern häufig gemeinsam mit anderen brennbaren Baumaterialien in der Abfallverbrennungsanlage beseitigt. Mineralwolle-Dämmstoffe dürfen laut Deponieverordnung auf Baurestmassendeponien abgelagert werden.
Dämmstoffe aus künstlichen Mineralfasern mit Herstellungsdatum vor 2000 sind als krebsverdächtig eingestuft, müssen daher sachgerecht ausgebaut und als gefährlicher Abfall entsorgt werden. Ein Wiedereinbau dieser sogenannten alten Mineralwolle ist lediglich für im Rahmen von Instandhaltungsarbeiten demontierte Materialien zulässig und unter der Voraussetzung, dass dabei keine oder nur eine geringe Faserbelastung zu erwarten ist. Abbruch, Sanierungs- und Instandhaltungsarbeiten mit alter Mineralwolle sind in Deutschland zum Schutz der Beschäftigten und anderer Personen in den Technischen Regeln für Gefahrstoffe (TRGS) 521 geregelt. Sie sind aus Vorsorgegründen auch als Handlungsanweisung für entsprechende Bauaufgaben in Österreich zu empfehlen.

Polystyrol-Dämmplatten

Lose verlegte Polystyrol-, genauer EPS- oder XPS-Dämmplatten, können zerstörungsfrei ausgebaut und theoretisch für den gleichen Einsatzzweck wiederverwendet oder als Aussparungskörper für die Betonindustrie weiterverwendet werden. Dies ist z.B. bei EPS-Trittschalldämmung oder XPS-Umkehrdachdämmung der Fall. Saubere, sortenrein gesammelte Polystyrol-Dämmstoffe können zu Granulat verarbeitet werden, das u.a. als Dämmschüttung, Porosierungsmittel bei der Ziegelherstellung oder Zuschlagstoff zu Mörtel und Beton wiederverwendet wird. Letzteres ist zwar bauphysikalisch vorteilhaft, sollte aber aus bauökologischer Sicht vermieden werden, da mit dem Materialverbund aus Polystyrol und Mörtel bzw. Beton eine verminderte Recyclingfähigkeit einhergeht. Das Recycling von Wärmedämmverbundsystemen mit EPS ist wegen des Verbunds aus Putz und Dämmstoff sehr aufwändig und wird i.d.R. nicht realisiert. Aus heutiger Sicht stellt sich außerdem als problematisch dar, dass in Zukunft XPS-Dämmplatten mit unterschiedlichsten Treibmitteln (FCKW, HFCKW, HFKW aus Altbestand und HFKW oder CO2 nach heutigem Stand) anfallen werden, womit ein Recycling für die nächsten Jahre praktisch ausgeschlossen werden kann. Polystyrol kann thermisch sehr gut verwertet werden.“

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Quellenangabe

Die oben stehenden Informationen zu Recycling- und Entsorgungseigenschaften von Dämmstoffen beruhen auf: Entsorgungswege der Baustoffe, Anhang 2 zu ABC-Disposal – Assessment of Buildings and Constructions – Disposal. Mötzl Hildegund (IBO), Pladerer Christian (Ökologie-Institut) et al. „Haus der Zukunft“ (BMVIT), FFG-Nr: 813974. Der Gesamtbericht ist unter http://www.nachhaltigwirtschaften.at/results.html/id5278 abrufbar (zuletzt geprüft am 03.09.2015).

Ökologische Amortisation von Dämmung bei hocheffizienten Gebäuden

Kommentar von Robert Lechner, Österreichisches Ökologie Institut ÖÖI

Im gedämmten Haus ist mehr Öl in der Fassade, als jemals eingespart werden kann! Ein Satz, der in den letzten Jahren in der Architekturszene und der Bauwirtschaft zum Kultklassiker heranwachsen durfte. Fast so gut wie: Im Spinat ist ganz besonders viel Eisen. Sager wie diese haben eine gemeinsame Eigenschaft: Einmal markig gesagt, gut für die Zielgruppe aufbereitet und vielfach danach verbreitet tragen sie wesentlich dazu bei, dass sie Teil der Alltagsmeinung werden. Und geben wir das doch zu: Für die meisten von uns irrt die Mehrheit nicht; und „irgendwas“ muss da schon dran sein. Hinsichtlich des Energieinhalts in Dämmstoffen jeglicher Art, also vom nicht gerade populärem EPS (umgangssprachlich: Styropor) über die schon weniger angefeindete Mineral- oder Glaswolle (das hört sich zumindest natürlicher an) bis hin zu den immer stärker verbreiteten Dämmstoffen auf Basis von nachwachsenden Rohstoffen oder Recyclingprodukten (quasi sicher „öko“) darf eines festgehalten werden: Die für die Rohstoffgewinnung, Produktion, dazwischen liegende Transportwege, den Ein- und Ausbau und die Entsorgung am Ende des Lebenszyklus benötigte „graue“ Energie ist bei weitem geringer, als die Energie, die durch die Verwendung dieser Dämmstoffe im Gebäudebereich in der Regel eingespart wird. Die energetische und ökologische Amortisierung der Dämmstoffe von Niedrigstenergiegebäuden beträgt in der Regel wenige Monate bis maximal zwei Jahre. Wie ist das aber bei hocheffizienten Gebäuden, wie sie durch das Passivhaus definiert werden?

Wird ein gesamtes Gebäude (also mit der thermischen Hülle, allen Innenwänden, Erschließungen und Decken) für eine Lebensdauer von 100 Jahren bilanziert, so beträgt der Primärenergieinhalt je nach Konstruktion zwischen 15 und 40 kWh pro Quadratmeter Bruttogrundfläche und Lebensjahr – alle dazwischen notwendigen Instandhaltungsarbeiten und Erneuerungen inklusive. Das CO2-Potential (Global Warming Potential – GWP100) für dieses Bauwerk macht rund drei bis fünf Kilogramm CO2 pro Quadratmeter BGF und Jahr aus. Die Dämmung für ein derartiges Bauwerk hat bei strenger Bewertung in einer solchen Bilanzierung einen Anteil von 10 bis 25 Prozent (CO2) – alle Erneuerungszyklen inkludiert. Ein hocheffizientes Gebäude ist auch bei kritischer Bilanzierung in der Lage, gegenüber einem Standardgebäude nach Baurecht zumindest 30 kWh Wärme pro Quadratmeter und Jahr einzusparen. Je nach verwendeten Energieträger entspricht dieser Mehrverbrauch einem Primärenergieinhalt (gesamt) von etwa 30 kWh (Fernwärme mit hocheffizienter Kraftwärmekopplung Standard) bis knapp unter 60 kWh (Strommix Österreich). Hinsichtlich der CO2-Bilanz könnte nur die Biomasse mit der Energieeinsparung konkurrenzfähig sein. Hier ist kritisch zu hinterfragen, inwieweit eine flächendeckende Abdeckung des Wärmebedarfs Österreichs mit Biomasse realistisch ist, ohne dass hier Versorgungsengpässe oder Belastungen der Umwelt aufgrund erhöhter Holzentnahme fürs Heizen auftreten würden.
Insgesamt bleibt festzuhalten: Die Reduktion des Energieverbrauchs durch Dämmung ist sowohl hinsichtlich des Primärenergieverbrauchs als auch der CO2-Einsparung im wahrsten Sinne des Wortes wärmstens zu empfehlen.

PS: Der Eisengehalt von Spinat ist nicht höher als in den meisten anderen Lebensmitteln.

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